David

China | Schulprogramm

TW: Bedrängung

Ein Austauschjahr in Ostasien. Das klingt, als hätte ich mich jeden Tag durch tropische Dschungel oder mörderischen Großstadtverkehr mit kreischenden Markthändlern gekämpft, ohne eine ruhige Minute. Wer hätte gedacht, dass ich die meisten Tage in der Bibliothek mit Büchern über Philosophie, oder am Schreibtisch im Unterricht verbracht habe? Jeder verändert sich in seinem Austauschjahr, also nun auch ich. Aber habe ich mich wirklich verändert? Mir scheint es, als hätte ich stattdessen erstmals richtig Zeit mit mir verbracht und mich richtig kennengelernt. Ich mag Musik, spiele aber nicht so gut. Ich mache gerne Sport, lese, schreibe. Und ich bin bisexuell.
  
Man sieht es mir nicht sofort an, und ich bin auch nicht plötzlich darauf gestoßen. Es gab kein auslösendes Ereignis. Ich las darüber im Internet und irgendwann merkte ich, das bin ich. Das trifft auf mich zu. Es hat mein Austauschjahr nicht beeinflusst. Erst drei Jahre später wurde es wieder wichtig. In China war ich einfach nur Schüler und Gastkind in meiner wunderbaren Gastfamilie. Beziehungen zwischen den Schülern gibt es nur ganz heimlich. Sie sollen sich auf das Lernen konzentrieren; und machen das auch meistens. Die Regierung unterdrückt keine Menschen mit nicht-heterosexueller Identität. Die Öffentlichkeit ist positiv bis gleichgültig, aber in individuellen Fällen soll es Intoleranz geben. Ich habe niemandem davon erzählt, außer einer Freundin.
 
Obwohl ich mich nicht anders verhalten habe als andere, bin ich doch in Verlegenheit geraten. Zum Beispiel ist Körperkontakt zwischen Jungen ganz normal (unter Mädchen ebenso). Auf Ausländer mag das den Eindruck machen, dass sie „schwul“ wären. Das ist natürlich Quatsch. Aber ich kann mir vorstellen, wie schwer es für einen schwulen Jungen sein kann, wenn er nicht offen dazu stehen kann.
  
Es kann auch sein, dass jemand Körperkontakt bekommt, den er oder sie gar nicht will. Ich meine nicht einen Klaps auf den Nacken, wenn jemand im Unterricht verbotenerweise Musik hört. Aber ich war einmal in einer Situation, in der ich mich von jemandem bedrängt gefühlt habe. Ich hatte keine Angst. Aber ich musste mich gegen eine Autoritätsperson stellen. Ich hoffe, dass niemand in eine solche oder schlimmere Situation kommt und vielleicht nicht weiß, dass er oder sie das absolute Recht hat, sich zu wehren. Ich hatte immer eine Telefonnummer mit einer Beratungsstelle bei AFS, also wusste ich, dass ich nie alleine bin, falls ich Hilfe brauche. Wenn jeder das hat, dann braucht niemand Angst davor haben, im Ausland seine Identität zu entdecken!
  
Heute würde ich die Tatsache, dass ich bisexuell bin, nicht mehr verstecken, auch nicht in China. Das verdanke ich meinem Freund. In manchen Situationen, besonders wenn ich sie nicht gut einschätzen kann, betone ich meine Sexualität allerdings auch nicht. Das finde ich sehr wichtig und gerechtfertigt. Jeder darf auch seine Heterosexualität unbetont lassen.


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